

Was für eine Aufregung! Mein erster großer Auftritt auf der Baustelle, und ich habe seit zwei Nächten kein Auge zugetan. Sogar meine Freundin Antonia habe ich gestern Abend noch verärgert. Die Arme. Kocht mir mein Lieblingsessen, Raupencocktail in Sesamkruste, und Ich? Ich rede die ganze Zeit nur von Spaten, Beton und Stahl. An ameisentaugliche Konversation war gar nicht zu denken. Der heutige Auftakt der Bauarbeiten für den BBI-Infotower hatte meine Fühler und Sinne gestern schon fest im Griff. Ich bin nun mal ein kleiner Perfektionist und wenn nicht alles am Schnürchen läuft, wurmt mich das. Aber der heutige Tag verlief super – bis auf eine kleine Ausnahme. Aber dazu später mehr.
Heute Morgen also bin ich in meinem schicksten Blaumann zur Baustelle gedüst. Meine Liebste hätte ich gern mitgenommen. Aber allein bei der Vorstellung, eine Baustelle zu betreten, verzieht sich ihr zartes Mienchen in ein unangenehm verdrießliches. Okay, ich gebe zu, der Glamour-Effekt einer Baustelle ist eher gering. Auf der Baustelle angekommen, musste ich mich erst mal verstecken. Der Plan war sozusagen, erst unterzutauchen und dann vor den Gästen enthüllt und als neuer Mitarbeiter vorgestellt zu werden. War mir ganz recht, denn so konnte ich in Ruhe die eintreffenden Gäste beobachten: Journalisten, Fotografen, Bürgermeister, Architekten, viele andere wichtig aussehende Leute und Mitarbeiter des Flughafens, die sich umschauen, austauschen, fachsimpeln oder angeregt unterhalten.
Dann war es endlich soweit: Flughafen-Chef Dr. Rainer Schwarz und Geschäftsführer Thomas Weyer eröffneten die Veranstaltung und hielten ihre Reden, sprachen über den Ausbau, die Zukunft, Meilensteine und den neuen, futuristischen Infotower als Symbol für den BBI: Ein 32 Meter hoher, dreieckiger, in sich gedrehter Turm, der einen einmaligen Überblick über die 2.000 Fußballfelder große Baustelle ermöglicht. Baustart heute, Eröffnung in der zweiten Jahreshälfte. Ein Erlebnis!
Und dann kam ich dran. Großes Hallo. Blitzlichtgewitter. Neugierige Augen und Ohren. „Das ist Armin, einer unserer fleißigsten und gewissenhaftesten Bauarbeiter“, sagte Dr. Schwarz, „Locker, charmant und ungezwungen ist er. Er ist der Mann mit dem Überblick und wird Ihnen künftig von den Fortschritten auf der Baustelle berichten...“. Keine schönere Art von Lob als die vom Chef. Ich war sprachlos, gerührt, glücklich. Das erlebt man nicht alle Tage.
Als der offizielle Akt vorbei war, ging’s ans Feiern. Das Essen war ein Gedicht: Buletten, Kartoffelsalat, Schweinebraten, Rote Grütze und ein leckeres Gläschen Malzbier." Ich stand immer noch im Rampenlicht, die Journalisten scharten sich gierig um mich, wilde Fotografen auf der Jagd nach dem besten Bild, Bürgermeister, die mit mir anstoßen wollten. Alles ein bisschen zuviel für mittwochmittags um 12. Vor Aufregung verdrückte ich noch ein zweite Portion Schweinebraten und Buletten. Und es kam wie es kommen musste: In meiner Ameisenschuseligkeit rutsche mir glatt die Bulette aus der Hand in mein Malzbierglas und ruckzuck war das weiße Hemd meines Tischnachbarn mit einer, nun ja, braunen, unansehnlichen Brühe bespritzt. Am liebsten hätte ich mich auf den Boden geschmissen und unter der Tischdecke versteckt. Zum Glück nahm der Herr mein Malheur mit gelassener, bürgermeisterlicher Manier. Ich war gerettet.
Es war Zeit nach Hause zu fahren. Mein ohnehin schon aufregendes Ameisenleben war durch meinen ersten öffentlichen Auftritt ganz schön durcheinander gewirbelt.