

Wenn im Gesicht einer Frau die ersten Fältchen auftauchen, dann ist das Geschrei groß. Die Abscheu vor den ersten Winken des Alters ist so groß, dass dafür extra dieses hässliche Wort „Krähenfüße“ erfunden wurde. Angeblich, weil die Fältchen an die gespreizten Krallen der grauschwarzen Federviecher erinnern. Na, wie dem auch sei – um Fältchen vorzubeugen, ist auf alle Fälle ganzer Einsatz gefragt. Und deshalb steht meine Freundin Antonia auch jeden Abend vor dem Spiegel, um sich mit Feuchtigkeitscremes, Vitaminpräparaten und Gurkenmasken so einzuwickeln wie Christo damals den Reichstag.
Gestern Abend, ich bin kurz vor dem Einschlafen, fragt sie mich, was wir auf der BBI-Baustelle denn eigentlich noch so den lieben, langen Tag lang am Terminal heraumbauen. „Der steht doch schon seit Wochen fertig rum.“
Nun, das ist nicht ganz richtig. Denn gerade in diesen Wochen laufen die Arbeiten an der Gebäudehülle noch auf Hochtouren. Gerade sind wir dabei, die Seilbinder, also das besondere Tragsystem für die Glasfassade, fertig zu stellen. Dafür ist besondere Sorgfalt nötig. Außerdem sind gerade erst die allerletzten Stahldachträger auf das Terminaldach montiert worden. Und überhaupt gilt es noch an Tausend Dinge zu denken.
Aber ich merke schon: Sobald ich mit technischen Details anfange, schaltet Antonia ab. Also halte ich kurz inne, schaue sie an, wie sie da so mit ihrer Gurkenmaske auf der Bettkante sitzt, und sage: „Weißt du, unsere Arbeit ist so ähnlich wie dein Kampf gegen die Fältchen.“ Antonia starrt mich an. Nun habe ich ihre Aufmerksamkeit.
„Wenn man einmal Fältchen hat, dann wird man die nicht mehr los, das ist doch ganz so wie mit Kakerlaken, die auch immer wiederkommen, ob man das nun will oder nicht. Wer einmal Fältchen hat, kann sie vielleicht eine Weile mit Schminke übertünchen, aber kaum passt man nicht auf, sind sie sofort wieder da. Und wir auf der Baustelle müssen auch auf den letzten Metern äußerst gewissenhaft vorgehen, um zu verhindern, dass später Fältchen, äh… Schäden auftreten.“
Als ich aufhöre zu reden, sehe ich, wie mich Antonia entgeistert anstarrt. Prima, denke ich. Endlich habe ich ihr meine Arbeit auf der Baustelle anschaulich erklären können, endlich einmal. „Du spinnst doch wohl“, fällt sie mir ins Wort. „Ich habe nur verstanden, dass du der Meinung bist, ich hätte Fältchen.“