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10 Jahre Schließung Flughafen Tempelhof - Die Geschichte eines legendären Ortes

30.10.2018

Heute vor zehn Jahren endete nach 85 Jahren der Flugbetrieb am Flughafen Tempelhof. Zeit, um einen Blick auf die Geschichte dieses besonderen Ortes zu werfen, der als Wiege der Luftfahrt gilt.

Paraden für den Kaiser und waghalsige Flugversuche

Das Tempelhofer Feld zwischen den heutigen Berliner Ortsteilen Schöneberg und Tempelhof wurde ursprünglich als Ackerland genutzt. Ab dem 18. Jahrhundert wurde die Fläche zum militärischen Parade- und Exerzierplatz. Im darauffolgenden Jahrhundert entwickelte es sich zunehmend zum Ausflugsziel für die Berliner, wo diese inmitten der rasant wachsenden Wohngegend Sport- und Freizeitaktivitäten nachgehen können.

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Ab dem 18. Jhd. wurde das Tempelhofer Feld für militärische Paraden und Übungen genutzt. Hier eine Parade um 1900.
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Tempelhofs Luftfahrtgeschichte begann in der Zeit der großen Flugpioniere: Berlin wurde zum Zentrum dieser Bewegung und das Tempelhofer Feld der Ort für erste Flugversuche und Flugschauen. Der Schweizer Arnold Böcklin, von Beruf eigentlich Maler, führte 1883 erste Flugversuche in einem motorlosen Flugzeug durch (und scheiterte). Weitere, oft waghalsige und auch tödlich endende Flugexperimente folgten, wie der Versuch des Verlegers Friedrich Hermann Wölfert, dessen Luftschiff 1897 in 1.000 Metern Höhe explodierte. Ab 1885 erhielten die Heeres-Luftschiffer einen Übungsplatz am Rande des Feldes, um dem Militär ihre Flugkörper vorzuführen.
Und schließlich trat im Jahr 1909 ein bekannter Name auf den Platz: Flugpionier Orville Wright führte auf dem Tempelhofer Feld über mehrere Wochen Demonstrationsflüge durch und stellte dabei diverse Rekorde auf, u.a. einen Höhenrekord von 160 Metern. Erste Ideen, aus dem Gelände einen Flugplatz zu machen, gibt es bereits im Jahr 1910. Konkretisiert wird dieses Vorhaben aber erst einige Jahre später: 1922 wird die Nordseite des Feldes planiert und am 8. Oktober 1923 erteilte das Verkehrsministerium zunächst eine vorläufige Konzession für die Aufnahme des Flugbetriebs, die schon bald in eine dauerhafte umgewandelt wurde. Damit war der Flughafen Tempelhof geboren.

Der Flughafen brummt

Zunächst als Flughafen Tempelhofer Feld, später als Zentralflughafen Tempelhof entwickelte sich der Flughafen in den kommenden Jahren zum größten Drehkreuz Europas. Ab 1924 wurde der Flughafen Tempelhof weiter ausgebaut. Im selben Jahr wurde auch die Berliner Flughafengesellschaft mbH (BFG) gegründet. Ende der 1920er Jahre platzte Tempelhof aus allen Nähten. Innerhalb kürzester Zeit hat sich Berlin zur Drehscheibe des internationalen Luftverkehrs entwickelt, noch vor London, Paris und Amsterdam. Für die am 6. Januar 1926 in Berlin gegründete Deutsche Lufthansa AG wurde der Flughafen Tempelhof zum Heimatflughafen.

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Größenwahn und Symbol der Freiheit
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatten diese große Pläne für Tempelhof: Hier sollte ein Weltflughafen gemäß den neusten Standards entstehen. Im Jahr 1934 wurde der Architekt Ernst Sagebiel mit der Erweiterung des Flughafens beauftragt, dessen Pläne für einen Neubau mit gewaltigen Ausmaßen den Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprachen. Ab 1936 entstand das neue, auch heute noch bestehende Flughafengebäude. Dieses wurde 1941 betriebsbereit fertig gestellt. Einige wichtige Elemente blieben jedoch unvollendet, da die Bauarbeiten kriegsbedingt zum Erliegen kamen, so z.B. Treppentürme, die als Zugänge für eine 80.000 Zuschauer fassende Tribüne auf dem Dach dienen sollten. Ab 1939 wurden die Tiefgeschosse im Gebäude für die Montage von Kriegsflugzeugen genutzt. Ziviler Flugbetrieb fand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Tempelhof statt, wurde jedoch immer mehr reduziert und aus Mangel an Treibstoff kurz vor Kriegsende komplett eingestellt. Ende April 1945 eroberte die Rote Armee im Zuge der Schlacht um Berlin den Flughafen und befreite die verbliebenen Zwangsarbeiter. Nach der Viermächteerklärung lag Tempelhof im amerikanischen Sektor und wenig später machte die US Army den Flughafen zu ihrem Militärstützpunkt. Während der sowjetischen Blockade Westberlins wurde Tempelhof schließlich zum legendären Ort für die bis heute weltweit größte humanitäre Hilfsaktion: Die von amerikanischen Soldaten initiierte Luftbrücke versorgte von Juni 1948 bis Mai 1949 die Westberliner mit Lebensmitteln und Brennstoffen. Zu Rekordzeiten landeten die „Rosinenbomber“ alle 90 Sekunden.

Tor zur westlichen Welt
Nach dem Ende der Blockade beschloss die amerikanische Administration, einen Teil des Flughafens wieder für den zivilen Luftverkehr freizugeben. Eine neue Abfertigungsanlage wurde gebaut und der Flughafen im Juli 1951 für den Flugbetrieb freigegeben. Die drei alliierten Fluggesellschaften Pan Am, BEA und Air France flogen Tempelhof an. Der Flughafen wurde das Tor zur Welt, das Westberlin mit den Westzonen und der restlichen Welt verband, bis er 1975 aufgrund nicht mehr ausreichender Kapazitäten vorläufig für den zivilen Luftverkehr geschlossen wurde. 1981 öffnete er wieder für den zivilen Luftverkehr. Nach der Wende übergab die US Airforce 1993 den Flughafen zurück an die BFG und deutsche Fluggesellschaften durften Tempelhof wieder ansteuern. In den Folgejahren wurde der Flughafen vorwiegend für deutsche und innereuropäische Ziele genutzt. Aufgrund seiner nur 2.116 Meter langen Start- und Landebahn und der innerstädtischen Lage war die Nutzung für größere Flugzeuge begrenzt.

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Die Haupthalle des Flughafens im Jahr 1963. In dieser Zeit war der Flughafen für die Westberliner das Tor zur Welt.
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Ein weites Feld
Der Flugverkehr wurde zunehmend reduziert und mit dem Beschluss für den Bau des Flughafens Berlin Brandenburg einigten sich die Flughafengesellschafter 1996 darauf, Tempelhof zu schließen. Ein Volksentscheid besiegelte die endgültige Schließung des Flughafens im Jahr 2008. Nach 85 Jahren Flugbetrieb starteten am 30. Oktober 2008 um 23.55 Uhr offiziell die beiden letzten Flüge ab Tempelhof: Ein Rosinenbomber und eine Ju 52 hoben parallel von den beiden Startbahnen in Richtung Schönefeld ab.

Das Flughafengebäude wurde seit der Schließung u.a. als Messe- und Firmenstandort sowie als Notunterkunft für Flüchtlinge genutzt. Langfristig sollen die 200.000 Quadratmeter Gebäudefläche saniert und zu einem Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft werden. Das ehemalige Flughafengelände öffnete im Mai 2010 seine Pforten für die Öffentlichkeit. Heute haben Radfahrer, Skater, Hundebesitzer und Picknickfreunde das Tempelhofer Feld erobert. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte es sich zum beliebten Erholungs- und Freizeitort und zählt zu den weltweit größten innerstädtischen Freiflächen der Welt. Damit ist das Tempelhofer Feld wieder das, was es vor über hundert Jahren schon einmal war: beliebtes Ausflugsziel für die Berliner. 

Interessante Fakten

  • Das Flughafengebäude, wie man es heute noch kennt, galt nach seiner Fertigstellung 1941 mit einer Länge von 1200 Metern für zwei Jahre als größtes zusammenhängendes Gebäude der Welt. Es wurde schließlich vom Pentagon in Washington abgelöst.
  • Tempelhof war 1924 der weltweit erste Flughafen, der über eine direkte U-Bahn-Anbindung erreichbar war (damals Paradeplatz, heute Platz der Luftbrücke).
  • In knapp einem Jahr Luftbrücke, also zwischen dem 26. Juni 1948 und dem 12. Mai 1949, gab es in Tempelhof mehr Flugbewegungen und vor allem ein Vielfaches an Fracht als im Jahr 2017 in Tegel und Schönefeld zusammen. So wurden damals 277.728 Flüge in Tempelhof gezählt – demgegenüber stehen 275.014 Flugbewegungen im Jahr 2017 in TXL und SXF. Die Luftfracht der Berliner Flughäfen betrug im vergangenen Jahr 49.291 Tonnen, während der Luftbrücke wurden 2,34 Millionen Tonnen Fracht transportiert – also in etwa die 50fache Menge.
  • Am letzten Betriebstag, dem 30. Oktober 2008, mussten drei Flugzeuge aufgrund schlechter Witterungsbedingungen in Tempelhof verbleiben – die Maschinen durften erst mit einer behördlichen Außenstartgenehmigung einige Wochen später, am 24. November, abheben.
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