X

Den Wolken ganz nah: Zu Besuch auf dem vielleicht schönsten Tower Deutschlands

15.05.2019

Langsam lichtet sich der Nebel, und schlagartig verändert sich die Perspektive in der 16-eckigen Kanzel des Kontrollturms am BER: Zu Füßen der zukünftige Hauptstadtflughafen mit seinen dazugehörigen Start- und Landebahnen, im Norden grüßt der Fernsehturm am Alexanderplatz und im Süden lässt sich staunend sogar die 50 Kilometer entfernte Cargolifterhalle in Brandt entdecken. Kurzum: ein atemberaubendes Panorama.

Jahrelange Erfahrung in der Flugsicherung

„Den schönen Blick gibt’s oben drauf, unsere Kernaufgabe besteht jedoch darin, einen sicheren, geordneten und flüssigen Flugverkehr abzuwickeln“, betont Hans Niebergall. Der 54-Jährige BER-Towerchef verantwortet seit mehr als sieben Jahren die Geschehnisse auf dem Schönefelder Kontrollturm. In der Pfalz geboren und mittlerweile zwischen Berlin und Hamburg pendelnd, blickt der studierte Informatiker und Vater zweier Töchter auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz in der Branche zurück: Zunächst beschäftigte sich der ehemalige Bundeswehroffizier bei Auslandsaufenthalten in den USA und Belgien als Softwareentwickler, vor 25 Jahren wechselte er dann in die Unternehmenszentrale der Deutschen Flugsicherung (DFS) nach Langen. Bei der DFS stieg er nach und nach vom Entwickler zum hiesigen Towerchef eines 100-köpfigen Teams auf.

In Startposition für den BER

News-DFS-1

Seit seiner Einweihung am 25. März 2012 steuert der so charakteristische und mit 72 Metern zweithöchste Kontrollturm Deutschlands das Geschehen über und unter den Wolken am Standort. „Wir haben jetzt das siebte Jahr hinter uns gelassen und alle Anlaufprobleme behoben – wir sind also startklar für den BER“, versichert Niebergall. Seit 2012 haben er und sein Team die Zeit genutzt und kontinuierlich an Technik und Abläufen gefeilt. „Die Voraussetzungen am stark prosperierenden Standort haben sich aber auch enorm verändert: Die Zielvorgabe an Flugbewegungen lag vor sieben Jahren noch bei 240.000. Beim Start des BER im kommenden Jahr gehen wir mittlerweile von mehr als 300.000 Bewegungen aus. Da sind für uns in der Umsetzung ganz andere Parameter zu beachten – auf die wir uns aber eingestellt haben“, blickt der Towerchef bereits ins kommende Jahr.

Lotsen so gefordert wie Hochleistungssportler

News-DFS-3

Im Allgemeinen sind die rund 2.000 Fluglotsen an deutschen Flughäfen dafür zuständig, dass sie die Flugzeuge in einem bestimmten Luftraum betreuen und leiten. Mit Richtungs- und Höhenanweisungen führen sie das Luftfahrtzeug in konkrete Bahnen und achten besonders darauf, dass die vorgegebenen Strecken auch eingehalten werden.
Die Towerlotsen im Speziellen haben den Blick auf die rollenden Maschinen und geben darüber hinaus Start- und Landeerlaubnisse. All das ist mit großer Anstrengung verbunden und erfordert konsequente Pausen- und Ruhezeiten. „Eine Schicht dauert achteinhalb Stunden, am Stück gearbeitet werden jedoch nur zwei Stunden, danach erfolgt eine Pause von mindestens 30 Minuten“, berichtet Niebergall. Da der Abbau von Stress sehr individuell erfolgt, gibt es am BER-Tower mehrere Möglichkeiten, Körper und Geist die nötige Ruhe zu gönnen. „Wir haben einen eigenen Fitnessraum sowie Ruhebereiche eingerichtet, denn letztlich sind die Lotsen wie Hochleistungssportler: sie müssen über die Mittel verfügen, sich höchst konzentriert darum zu kümmern, dass die Verkehrssicherheit abgedeckt wird, aber auch Techniken vorrätig haben, sich in den Pausen herunterregeln zu können“, sagt Niebergall. Pro Schicht sind drei Lotsen in der Kanzel im Einsatz. Gesucht wird der Lotsennachwuchs bundesweit, die Ausbildung bedarf jedoch hoher Eingangsqualifikationen. Neben ausgeprägten Sprachkenntnissen, in der Luftverkehrssprache Englisch, ist das räumliche Vorstellungsvermögen und Multitaskingfähigkeit eine hohe Hürde für die vielen Bewerberinnen und Bewerber. Nach erfolgreicher Beendigung der 3-jährigen Ausbildung locken jedoch die Übernahme bei der DFS sowie ein relativ hohes Grundgehalt.

Flugrouten am BER

Die bereits festgelegten Flugrouten für den BER aus dem Jahr 2012 wurden – mit einer einzigen Ausnahme, der Nordumfliegung von Blankenfelde-Mahlow – richterlich bestätigt. Für diesen Bereich gibt es einen Alternativvorschlag, den das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung beurteilt, wenn der genaue Inbetriebnahmetermin des BER feststeht. „Derzeit prüfen wir, inwiefern die damals festgelegten Routen mit den seitdem geänderten Rahmenbedingungen wie beispielsweise der Weiternutzung der heutigen Schönefelder Terminals kompatibel sind. Diese Validierung findet zurzeit statt und wir hoffen, dazu ab Mitte des Jahres aussagefähig zu sein“, fasst Niebergall die Entwicklung zusammen. Der Nebel zieht nun langsam wieder auf: Niebergall blickt auf seinen Legonachbau des Towers und macht jetzt noch einmal deutlich, wie sehr er auf die Eröffnung des BER im kommenden Jahr hofft: „Der BER muss an den Start gehen, sonst wäre ich über ein Jahrzehnt einem Phantom hinterhergelaufen. Dazu haben weder mein Team noch ich Lust.“
- Das Gespräch führte Christian Franzke

Flughafeninfo

+49 30 60911150

@berlinairport

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Flughafeninfo sind an 7 Tagen rund um die Uhr für Sie da.